Page 23 - LogReal.Direkt_Ausgabe-1.2025
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Logistik

           bote rasant schnell wechseln. Shein spart damit Lagerkos-  deutlich produktiver machen. Zudem senken Händler ei-
           ten und investiert lieber in den Transport per Luftfracht.  gene Bestände im Lager, um flexibler zu bleiben und „dead
               Beiden Händlern wird nachgesagt, die „De mini-  stock“ zu vermeiden
           mis“-Verzollungsgrenzen auszunutzen und evtl. sogar zu   Auch auf der Immobilienseite hat das Auswirkungen:
           umgehen.                                     Es werden deutlich weniger XXL-Standorte und statt-
               Die eCommerce-Branche ist in heller Aufregung: In  dessen kleinere Lager nahe den Ballungszentren gebaut.
           den USA und in UK ist bspw. Temu laut analyzify.com  Neben hocheffizienten Fulfillment-Centern könnten zu-
           unter den Top-Apps, die Nutzer installieren – auch in  künftig auch Einzelhandelsflächen umgenutzt und zum
           Deutschland ist das schon der Fall.          Mikro-Fulfillment-Center umgewandelt werden. Voraus-
               Sind die europäischen Händler also langfristig chan-  setzung ist ein Dienstleister, der diese als Multi-User-La-
           cenlos? Es ist ja naheliegend, dass auch europäische Händ-  ger betreibt und Einzelhändler sich Logistik-Kapazitäten
           ler die angebotenen Formate zur Produktpräsentation  teilen.
           auf ihrer Webseiten adaptieren. Gleichzeitig scheinen im
           Niedrigpreissegment (Artikel unter 20 Euro) die neuen  Fähigkeiten auf der letzten Meile
           Geschäftsmodelle zu funktionieren – denn hier tolerieren
           Kunden längere Lieferzeiten.                 Logistik bleibt also ein wichtiger Hebel im Kampf um
               Doch bei höherwertigen Produkten scheinen die  Kunden. Kein Wunder also, dass die Nachfrage nach Lo-
           Modelle an Grenzen zu stoßen: Eine Studie von sendcloud  gistikflächen in Ballungsräumen steigen, um „Next- oder
           zeigt, dass 44 Prozent der europäischen Konsumenten bei  Same-Day-Deliveries“ zu ermöglichen: Laut JLL stiegen
           Artikeln  die  Lieferung  abbrechen,  wenn  die  Lieferzeit  die Mieten für Logistikflächen in Berlin oder Paris 2024
           als zu lang empfunden wird. Genau hier setzen Zalando,  um +12 Prozent – trotz Wirtschaftsflaute. Doch der
           Amazon oder Otto ihre Trumpfkarte ein: ein dichtes Netz  Wettlauf hat seinen Preis: Die Spitzenmieten pro Qua-
           an Lagern und Letzte-Meile-Hubs in Europa. Verspricht  dratmeter in Metropolen liegen mittlerweile +30 Pro-
           der Chatbot „Lieferung morgen“, muss das Paket pünkt-  zent über denen der „Nebenregionen“ laut des Reports
           lich ankommen. Ein Bruch dieses Versprechens schadet  „Deutschland Logistikmarkt Q4 2024“ von CBRE.
           der Marke nachhaltig.                            Also Fazit bleibt festzuhalten: Die europäischen
                                                        Händler müssen ihre Produktpräsentation umbauen – ha-
           Schwächen bei Lieferfähigkeit und Nachhaltigkeit  ben aber die Chance, ihre Logistiknetzwerke als unüber-
                                                        windbaren Wettbewerbsvorteil weiter auszubauen, in dem
           Hier offenbart sich das Dilemma vieler Social Me-  sie ihre Fähigkeiten auf der letzten Meile mit kleineren
           dia-Händler: Auch wer im Frontend mit Social und Con-  Fulfillment-Centern ausbauen und stark automatisieren.
           versational Commerce über AI Chatbots punktet, braucht   Zudem gibt es einen weiteren Hoffnungsschimmer:
           im Backend immer noch ein Netzwerk aus hochflexiblen  Der NDR berichtet, dass „die EU-Kommission plant, die
           Logistikstandorten, wenn nachhaltig profitabel gewirt-  150-Euro-Zoll-Grenze zu reformieren. So soll für Waren
           schaftet werden soll. Nur so lassen sich Spitzenlasten ab-  aus einem Drittland künftig eine Bearbeitungsgebühr gel-
           federn und Lieferzusagen einhalten. Zudem gibt es einen  ten. Sie soll die Kosten für Zoll und Warenüberwachung
           signifikanten Trend zu Nachhaltigkeit: Acht Prozent der  decken. Art und Höhe der Gebühr ist noch unklar. Denk-
           europäischen Online-Käufer würden laut sendcloud eine  bar wäre etwa eine Zollpauschale, die unabhängig vom
           Bestellung stornieren, wenn keine umweltfreundliche Lie-  Warenwert erhoben würde. Das würde die Billigprodukte
           ferung verfügbar ist und 46 Prozent geben laut PwC an,  erheblich verteuern und den Kauf unattraktiv machen.”
           dass sie mehr nachhaltige Produkte kaufen, um ihre per-  Das sind doch gute Nachrichten für den europäischen
           sönlichen Auswirkungen auf die Umwelt zu verringern.  Online-Handel.
           Genau hier, bei Lieferfähigkeit und Nachhaltigkeit, fan-
           gen die Schwächen der F2C-Modelle aus China an – und
           die Chancen europäischer Anbieter.
               Europäische Händler rüsten massiv auf: Laut statis-
           ta senken automatisierte Lager die Prozesskosten um bis
           zu 25  Prozent – das scheint allerdings eher am unteren
           Ende der Schätzungen zu sein – aber mindestens genauso
           wichtig sind schnelle Durchsatzzeiten, um sofort liefern
           zu können. Schlüsseltechnologien sind „Good2Man-Sys-
           teme“ wie Shuttles, Autostore u.ä., die den Lagerumschlag
           in den Lägern stark erhöhen. Und humanoide Roboter
           könnten zukünftig auch komplexere Abläufe noch einmal


                                                                                                         LogReal.Direkt 23
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