Page 9 - LogReal.Direkt_Ausgabe-1.2025
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Titelthema
Ein wichtiger systemischer Grundsatz lautet: Nur wer
das Ganze kennt, kennt auch die Details und nicht umge-
kehrt. Viele Akteure glauben jedoch, wenn man im Detail Inkonsistenzen in der Stromreserve
gut ist und das versteht, dann braucht man das doch nur bei Dunkelflauten
skalieren. Das ist meistens falsch. Man muss das Ganze
und seine Zusammenhänge verstehen. Mitte Dezember war es soweit: Es geschah, wovor Kri-
tiker erneuerbarer Energie schon lange warnen. Eine
? Interessant ist eine Aufschlüsselung der Daten vom Dunkelflaute erreichte große Teile des Landes. Deshalb
06. November 2024. Die Nachfrage nach Strom betrug an musste Deutschland zwischen dem 11. und 13. De-
diesem dunklen Tag 66 GW. Sie wurde gedeckt durch 53 GW zember zeitweise ein Viertel des Verbrauches impor-
verfügbare heimische Produktion und 13 GW Importe. tieren. Der Preis pro Kilowattstunde stieg im täglichen
An einem Tag mit einer höheren Spitzenlast (von bspw. 75 GW Handel deutlich über einen Euro pro Kilowattstunde.
am 15. Januar 2024) wäre mit ähnlichen Beschaffungsmengen Unternehmen, die viel Strom benötigen und ihn
die Versorgungssicherheit nicht gewährleistet. täglich an der Börse kaufen, drosselten die Produktion,
Brauchen wir also Ersatzkraftwerke, um das Energieangebot schickten Personal nach Hause. Für viele Beobachter
abzusichern, wie es bspw. RWE-Chef Markus Krebber fordert? war das ein weiterer Beleg für eine gescheiterte Ener-
giewende.
Herbert Saurugg: Ja, In den Monaten November und Überraschenderweise gab es Dutzende Kraft-
Dezember gab es Tage, an denen die heimische Strompro- werke, die selbst in der Stunde höchster Preise keinen
duktion nicht ausreichte. Es gibt immer wieder Zeiten, in Strom produziert haben. Bundeskartellamt und Bun-
denen de facto null erneuerbarer Strom erzeugt werden desnetzagentur haben angekündigt, zu untersuchen,
kann. Dann sind Lösungen gefragt. ob ihre Besitzer den Strom zurückgehalten haben, um
Es gibt mehrere Möglichkeiten. Nummer eins: durch Knappheit die Preise hochzutreiben und mit
konventionelle Reservekraftwerke. Nummer zwei: Batte- den laufenden Kraftwerken umso besser zu verdienen.
riespeicher. Nummer drei: Abschaltung. Ich produziere Nach Angaben der Kraftwerkbetreiber war je-
nicht und schalte die Versorgung regional und temporär doch fast ein Drittel der vorhandenen Kraftwerke we-
ab. Das ist preiswerter, als alles mit Kraftwerken abzude- gen kurzfristiger Defekte nicht verfügbar. Außerdem:
cken. Wenn man aber auf so einem hohen Niveau wie in Der weit überwiegende Teil, der im Leerlauf in Bereit-
Deutschland lebt, dann sagt man nicht einfach: „So, jetzt schaft stehenden Kraftwerke, durfte gar keinen Strom
lassen wir einfach mal den Strom für zwei Stunden ab- liefern. Es handelt sich um Reservekraftwerke, die so
schalten“. dringend benötigt werden, dass der Staat ihren Weiter-
betrieb als Reserve für Notfälle verlangt und komplett
„Störungen nehmen zu“ finanziert. Die Kosten der Reserve werden dann auf die
Netzentgelte aufgeschlagen, die ja 2025 deutlich ange-
? Industrieunternehmen berichteten in letzter Zeit immer stiegen sind.
häufiger von kurzen Unterbrechungen (im Millisekunden- Diese Reserve darf jedoch erst genutzt werden,
bereich bis zu drei Minuten) in der Stromversorgung. Was wenn ansonsten rein technisch ein Blackout durch Un-
läuft da schief? Müssen wir uns daran gewöhnen? terdeckung droht, weil europaweit niemand zu finden
ist, der – egal zu welchem Preis – Strom liefern kann.
Herbert Saurugg: Grundsätzlich werden Ausfälle erst ab Solange keine derartige kritische Situation droht, dür-
drei Minuten statistisch erfasst. Daher wissen wir nicht, fen die Kraftwerke laut Gesetz nicht zur Senkung selbst
was unterhalb der drei Minuten passiert. Es gibt viele extremer Börsenpreise genutzt werden.
Meldungen, dass Störungen in diesem Bereich massiv zu- Quelle: tagesschau.de
nehmen, aber das ist, wie gesagt, nicht erfasst. Und über
drei Minuten, da muss man ganz klar sagen, dass Deutsch-
land hier Weltmeister ist mit 10 bis 12 Minuten Ausfall
im Durchschnitt pro Kunde und Jahr. Es gibt niemand,
der nur annähernd dorthin kommt. Es ist daher zwingend
notwendig, auch den Bereich unter drei Minuten genau-
er zu betrachten und mögliche Gegenmaßnahmen zu er-
greifen. Denn es kann nicht sein, dass die Kunden auf den
Schäden sitzen bleiben.
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